Neue Diagnose: Bipolar

Ende August hatte ich auf meinen Wunsch und mit Unterstützung meines Psychiaters mein Medikament gewechselt und habe auf Bupropion umgestellt. Die unerwünschten Nebenwirkungen von Venlafaxin waren weg, dafür kam ich aber drauf – worauf, das sollte ich erst Wochen später erfahren. Erstmal erlebte ich eine durchaus gewünschte und subjektiv angenehm empfundene Antriebssteigerung. Ich war kraftvoll, konnte meine Dinge erledigen, war interessiert und motiviert, neue Themen zu erkennen und anzugehen. Gleichzeitig wurde ich aber auch rechthaberisch, unterbrach gerne meine Gesprächspartner und hatte irgendwie zu allem meinen Senf abzugeben. Meine Frau beschwerte sich und ich erkannte langsam, dass DIESE Antriebssteigerung doch etwas zu viel war. Als mein Psychiater aus dem Urlaub zurück war, setzte ich mein Medikament ab und ging ein paar Tage später mit meiner Frau zu ihm. Diese Sitzung war sehr aufschlußreich.

Aus meinen, aber vor allem aus den Erzählungen meiner Frau setzte sich für meinen Psychiater das Bild einer leichten bipolaren Störung zusammen. Ich war gerade drauf gewesen, hatte also eine manische Phase hinter mir. Meine Diagnose lautet auf bipolar Typ 2, das beschreibt eine etwas abgemilderte Form gegenüber der landläufig bekannten Bipolarität, wie ihr sie evt. von bekannten Künstlern kennen, die in ihren manischen Phasen extrem produktive Schaffensphasen haben, aber danach auch extrem starke Depressionen erleben müssen. Das „schöne“ an meiner Typ 2- Erkrankung ist die Tatsache, dass Menschen, die eine solche haben, sich zumeist recht gut selbst regulieren können. Denn zumeist wissen sie sehr lange nichts von ihrer Erkrankung und werden im (wissenschaftlich wohl fundierten) Durchschnitt erst nach 12 Jahren erstmals diagnostiziert.

Das kann ich von mir auch sagen: die Diagnose war wie eine kleine Erleuchtung und machte eigentlich alles rund: nun erklärte sich nicht nur meine Depression, sondern auch, dass ich dazwischen immer wieder Phasen hatte, in denen ich mich als sehr präsent, interessiert, kraftvoll und zielstrebig erlebte. Manchmal ist dies für meine Umwelt schwer zu ertragen, diese Manie! Aber die Aussicht auf gut gelernte Selbstregulationsmechanismen ist für mich unglaublich wichtig und hilfreich. Ich bin nämlich seither frei von jeglichen Medikamenten. Mein Arzt meinte, das Bupropion war natürlich für einen Bipolaren kontraindiziert, weil es mich direkt in eine Manie beförderte. Bei Bipolaren hilft ausschließlich Lithium. Aber ich müsse nichts nehmen, so lange es mir gut geht.

Und es geht mir seither gut. Ich kann den Anflug meiner manischen Verhaltensmuster erkennen und ich kann gegensteuern. Das ist unglaublich hilfreich und befreiend! Ich habe es selber in der Hand und bin allein durch die Diagnose viel aufmerksamer und reflektierter geworden. Inzwischen bin ich in einer neu gegründeten Selbsthilfegruppe für Bipolare und lerne unglaublich viel über dieses Krankheitsbild, z.B. auch, dass ich mich mit meiner relativ milden Form sehr glücklich schätzen darf. Denn, wie geschrieben, ich habe viel selbst in der Hand und bin (bisher) wenig auf Hilfe von außen angewiesen. Dadurch hat sich meine Lage und vor allem unsere Familiensituation sehr entspannt. Ich fühle mich komplett und kann nun mit Milde und Verständnis auch auf meine manischen Phasen, die ich bis in meine Jugend zurückverfolgen kann, blicken!

Was für ein Geschenk und was für eine Erleichterung doch diese Diagnose für mich war und ist!

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