Und heute?

Wer meinen Blog von Anfang an gelesen und verfolgt hat, wird verstanden haben (oder sich zumindest erinnern), dass meine Reise vor einem Jahr inspiriert war von dem Bestreben, etwas gegen meine Depressionen zu unternehmen. Am Ende der Reise berichtete ich davon, dass es mir gut gelungen war, meine Resilienz wahrzunehmen und daraus Stärke für meinen Alltag zu gewinnen. Der eine oder die andere mag sich fragen, wie es mir seither ergangen ist. Zumal es ja bekannt ist, dass sich die Euphorie einer außergewöhnlichen Situation idR schlecht in den Alltag mitnehmen lässt.

Allein die Tatsache, dass ich in diesem Blog bis gestern keinen weiteren Beitrag geschrieben habe, ist ja schon etwas verdächtig 😉. Denn es ging ja immer, wie der Name der Webseite schon intendiert, nicht ausschließlich um meine Reise, sondern weit darüber hinaus. Also nun mal Butter bei die Fische:

Mit viel Kraft und Stärke bin ich nach Deutschland zurück gekehrt. Ziemlich flott habe ich meinen Alltag wieder aufgenommen und gut gemeistert. Gute Erinnerungen an Afrika halfen mir dabei. Schnell plante ich verwegen Großes: ein paar Tage nach meiner Rückkehr frug ich meinen Chef, ob ich auf dem Anwendertreffen unserer Firma im November „off Topic“ einen Bericht von meiner Reise halten könne. Er sagte mir kurzerhand zu! Ich war aufgeregt und wollte den Vortrag bald vorbereiten und vorher mal in kleinerem Rahmen halten, um ihn zu testen. Aber daraus wurde nichts, denn mein Mut und meine Stärke begann langsam zu schwinden.

Im Juli ging ich das erste Mal zu meiner Hausärztin und berichtete ihr zwar ausführlich von meinen tollen Erlebnissen auf der Reise, aber auch davon, dass meine Stimmung seither langsam aber kontinuierlich sank. Sie machte mir Mut, aber auch nicht mehr.

Ich schlief wieder schlechter und war gereizter. Meine Familie musste, vor allem im Urlaub, ganz schön was aushalten! Beim nächsten Besuch bei meiner Hausärztin im August riet diese mir, doch mal einen Psychiater aufzusuchen. Vielleicht könne der mir weitergehend helfen. Wie es meiner Stimmung entsprach, brauchte ich bis Anfang November und noch einige Krisen und Tiefs, bevor ich mich bei einem Psychiater um einen Termin bemühte. Der wurde auf den 9, Januar 2019 vereinbart. Ihr seht, wenn „Mann“ nicht so gut drauf ist, kann sich die Lösungsbemühung schon mal ganz schön hinziehen!

Im November standen dann meine beiden Vorträge in Paderborn und Karlsruhe an. Ich habe es wahrlich erst am Wochenende davor „geschafft“, zumindest meiner Frau mal den Vortrag zu halten und ihr Feedback einfließen zu lassen. Die Nächte vor meinen Vorträgen habe ich kaum geschlafen. Stündlich wurde ich schweißgebadet wach. Selbstzweifel übermannten mich: Interessiert es irgend jemanden, was ich da erzähle? Wird überhaupt jemand zu meinem Vortrag kommen? Bin ich in meiner Botschaft klar? Zeige ich zu viel von mir? Kann ich authentisch sein? Werde ich anregend berichten können? Usw, usf. Ihr seht, der Zweifel gibt es viele. Und die haben mir ganz schön zugesetzt. Die Vorträge waren gut, wenn auch für mein Gefühl, wenig besucht. Aber das mag auch an äußeren Umständen wie Zeitpunkt und Umgebung gelegen haben. Erstaunlicherweise waren auf dem sehr viel kleineren Treffen in Karlsruhe deutlich mehr Besucher (50 zu 20), als in Paderborn. Aber die Leute, die da waren, haben mir durchweg ein tolles Feedback gegeben. Dafür hat es sich gelohnt!

Aber es ging mir nicht bedeutend besser. Meine Stimmung schwankte und Anfang Februar erreichte sie ihren absoluten Tiefpunkt. Auch der Besuch beim Psychiater Anfang Januar brachte keine Verbesserung, im Gegenteil: dieser frug mich nur, was ich von ihm wolle bzw. Was er für mich tun könnte? Als ich ihm das nicht sagen konnte und wollte, war auch dieser Hoffnungsschimmer erloschen. Ich saß an einem Sonntag in meiner Badewanne und dachte: Es hat alles keinen Sinn. Ich sehe keine Freude, keine Zukunft, habe keine positive Perspektive! Mir ist alles egal.

Meine Frau machte sich ernste Gedanken und Sorgen und aktivierte meinen Freund Thomas, mich zu besuchen und mir zu helfen. Beim folgenden Besuch bei meiner Hausärztin entschied diese sich nun pragmatisch, mit einer leichten Medikation zu beginnen: Ich bekam die kleinste, als wirksam bekannte Dosis des Medikaments venlafaxin. Mir ging es innerhalb von Tagen besser! Meine Stimmung hellte sich auf.

Ende Februar hatte ich ein traumatisches Erlebnis, das sich interessanterweise vorrangig körperlich manifestiert: ich bekam „aus heiterem Himmel“ tierische Kieferhöhlenschmerzen. Dank des Medikaments konnte ich aber die Kraft und Stärke aufbringen, mir das Trauma dahinter genauer anzusehen. Und ich konnte anfangen daran arbeiten, nicht wieder in dieses Trauma abzurutschen. Das war der Turning Point! Von nun an ging es steiler bergauf!

Inzwischen fühle ich mich wieder kräftig, zuversichtlich und lebensfroh wie schon seit Jahren nicht mehr. Ich nehme meine Dinge in die Hand, habe keine Angst, hinzusehen und hinzugehen, wo es weh tut und zu lösen, was blockiert erscheint. Das Medikament hat mir dabei geholfen, Blockierungen zu lösen, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich habe im zweiten Anlauf auch endlich einen guten Psychiater gefunden, der die Medikation meiner Hausärztin bestätigt und mir sogar schon avisiert, dass ich das Medikament im Sommer absetzen kann. Das macht mich auch froh und zuversichtlich.

Ich weiss, dass ich noch einiges zu erledigen habe. Das kann kein Medikament oder Mensch mir abnehmen. Vielleicht werde ich in diesem Blog einmal näher darauf eingehen. Heute nur so viel: Ich habe eine Familie, die mich (er)trägt, gute Ärzte, die mich begleiten, eine Gemeinschaft von MKP-Männern, bei denen ich sein kann und mit denen ich arbeiten kann! Und ich habe einen Job, der mir Spaß macht und einen Arbeitgeber, der mich mit all meinen Mängeln auch (er)trägt.

Allen bin ich sehr dankbar!

In Demut und Verbundenheit,

Herzlich, Dirk

2 Antworten auf „Und heute?“

  1. Hallo Dirk!
    Ich möchte Dir meinen großen Respekt zollen, für den Mut, den Du aufgebracht hast diese Reise zu machen und mit dieser Offenheit.
    Sehr gerne würde ich mit Dir mal einen Spaziergang machen, einfach nur einen Spaziergang, am liebsten in einem Wald, ohne irgendeine Absicht.

    Wenn Du einverstanden bist, ich werde Dich per SMS kontaktieren.

    Herzlichen Gruß eine gute Zeit Mathias

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